„Die Welt wird immerdar von Zier berückt.”

Seit Sokrates und Cicero, Vitruv ("Wenn die Leute diesen Unfug sehen, bewundern sie ihn eher, als daß sie ihn verurteilen"), Shakespeare ("So ist denn Zier die trügerische Küste von einer schlimmen See"), Winckelmann ("Die Gebäude könnten also weit edler gemachet werden, wenn man sie gar nicht oder doch so wenig als möglich verzierte"), Goethe ("Alles soll anders sein und geschmackvoll, Wie sie's heißen, und weiß die Latten und hölzernen Bänke; Alles ist einfach und glatt; nicht Schnitzwerk oder Vergoldung Will man mehr, und es kostet das fremde Holz nun am meisten"); Sullivan ("wir sollten für einige Jahre gänzlich auf die Verwendung von Ornamenten verzichten, damit wir unser Denken ohne jedes Hindernis auf das Bauen von Häusern konzentrieren können, die wohlgeformt und anziehend wirken, wenn sie nackt sind."), Loos ("Je tiefer ein volk steht, desto veschwenderischer ist es mit seinem ornament"; "Evolution der kultur ist gleichbedeutend mit dem entfernen des ornamentes aus dem gebrauchsgegenstande") und vielen anderen mehr ist der Kult der Schlichtheit mit der klassischen Tradition verbunden und ästhetische Ablehnung eng verknüpft mit moralischen Bedenken. Schlichtheit muþ teuer sein und soll die (sozial) höhere Position durch Differenzierung und Verfeinerung des ästhetischen Empfindens demonstrieren.

Die Hauptlinien der Argumentation sind:

- Schmuck = Verführung; Verzicht = Vernunft

- Schmuck = Schwelgen in Sinnlichkeit und Zeichen primitiver Sexualität; Verzicht = Reinheit und Keuschheit

- Schmuck = Ausdruck kindischer Gefühle; Verzicht = Reife und Entwicklung

Jedoch hatten selbst die schärfsten Verfechter einer nackten, schmucklosen Architektur nicht die völlige Ausrottung des Ornaments im Sinn ("Ich habe aber damit nicht gemeint, was die puristen ad absurdum geführt haben, daß das ornament systematisch und konsequent abzuschaffen sei.")

Ernst Bloch monierte schon in den Fünfzigern, vor dem Aufkommen postmoderner Theorien, die negativen Auswirkungen der Reinheits-Ideologie ("Seit über einer Generation stehen darum diese Stahlmöbel-, Betonkuben- Flachdach-Wesen geschichtslos da, hochmodern und langweilig, scheinbar kühn und echt trivial, voll Haß gegen die Floskel angeblich jedes Ornaments und doch mehr im Schema festgerannt als je eine Stilkopie im schlimmen 19. Jahrhundert.").

Und seit Pop Art, seit dem Stilpluralismus der Postmoderne, der verstärkten Hinwendung der Architektur zu künstlerischen Fragestellungen; der Auflösung moralischer Zwangssysteme und der Relativierung von Ehrlichkeit ("Ehrlichkeit kann töten") können neue Formen des Schmucks gefunden werden und ein angemessener Platz für das Ornament in der heutigen Zeit.

Wir finden Ornamente wirklich gut.