Die Trümmerfrauen des Waldes

Die Männer zerbombten die Städte und Wälder - die Frauen bauten und forsteten sie wieder auf

Auf dem 50-Pfennig-Stück sind sie verewigt: Die "Kulturarbeiterinnen", die nach dem Krieg den deutschen Wald wieder aufforsteten. Ex-Waldarbeiterin Christa Schleich erinnert an sie.

Brummend kämpft sich der graue Volkswagen auf dem kurvenreichen Waldweg durch dichten Nebel. Plötzlich die Sonne. Immer noch höher und höher geht es auf einen der Gipfel des Mittelgebirges, die hier im Schwäbischen gerne "Kopf" heißen: Gaiskopf, Brennkopf, Bernauer Köpfle. Der Kopf, stellt sich heraus, hat eine Glatze. "Holzmacher" haben während des Krieges Baum um Baum gefällt und eine riesige Fläche verwüstet zurückgelassen.

Ein gutes Dutzend Frauen pflanzen auf dem Kahlhieb mit riesigen Hacken junge Fichten in schnurgeraden Reihen. Die kleinen Bäume ziehen sie büschelweise aus dem schattigen Graben heraus, wo sie tags zuvor sorgfältig eingeschlagen und mit Erde bedeckt wurden, damit die Wurzeln feucht bleiben. Dann werden sie, in feuchte Säcke gewickelt, von den Frauen den steilen Hang hinauf getragen und so schnell wie möglich in die vorbereiteten Pflanzlöcher eingesetzt.

Es ist ganz und gar in Vergessenheit geraten: Der deutsche Wald, so wie er heute steht, wurde meist von Frauenhand gepflanzt. Abgeleitet von den Forstkulturen, die sie begründeten, nannte man die Pflanzerinnen "Kulturfrauen". Ihre harte Arbeit wurde schlecht bezahlt und gering geschätzt. Und dennoch: Als vor 50 Jahren die ersten 50-Pfennig-Münzen in die noch schmalen Geldbeutel wanderten, waren sie mit dabei. Auf der Rückseite des kleinen Silberlings begleitete uns fast unbemerkt das Symbol der bäumepflanzenden Frau durch Wirtschaftsaufschwung und die fetten Jahre. Mit Einführung des Euro wird es dem Eichenreis pflanzenden Mädchen ergehen wie ihren leibhaftigen Kolleginnen in deutschen Forsten: Sie wird für immer verschwinden.

Mit der 50-Pfennig-Münze setzte der Bildhauer Richard Martin Werner den bäumepflanzenden Frauen unbeabsichtigt dieses Denkmal. Sein Entwurf, der die Trümmerfrauen ehren sollte, wurde 1949 vom damals zuständigen Direktorium der Bank Deutscher Länder als Vorlage für die Münze ausgewählt. Seine eigene Frau, Gerda Jo Werner, stand - besser kniete - dafür Modell, ein zartes Gebilde mit langem, enganliegendem Gewand, das die echten Kulturfrauen im Forst wahrscheinlich als etwas hinderlich für ihre Arbeit betrachtet hätten.

So ziemlich genau den Gegenwert der neu geprägten Münze, nämlich 50 Pfennige, erhielten die Kulturarbeiterinnen Ende der 40er Jahre für jede Stunde harte Arbeit im Wald. Arbeit, um die viele Frauen froh waren, wie die heute 84-jährige Elisabeth Gärtner: "Ich kam 1945 ausgebombt und mit einem Baby von Mannheim nach Oberrot im Schwäbischen Wald, wo meine Eltern lebten. Gleich nach dem Krieg begann ich, im Wald zu arbeiten. Daraus wurden neun Jahre." Die ehemalige Vorarbeiterin erinnert sich: "In unserem Revier Hohenhardtsweiler, das zum Forstamtsbereich Schwäbisch Hall gehörte, waren wir 24 Frauen. Hauptsächlich forsteten wir die Kahlflächen auf, und nebenher betreuten wir noch die Baumschule."

Immerhin noch 180 weibliche Arbeitskräfte weist das forststatistische Jahrbuch für den gesamten Forstbereich Schwäbisch Hall für das Jahr 1953 aus, obwohl in den 50ern die Waldarbeiterinnenschaft bereits stark schrumpfte. Dabei waren Frauen lange Zeit ein gewohnter Anblick im Wald. Seit etwa 1850, wahrscheinlich sogar noch etwas früher, gab es Frauenarbeit im Wald. Zu dieser Zeit hatte in Deutschland die planmäßige Forstwirtschaft begonnen. Die Wälder, oder was von ihnen noch übrig geblieben war, befanden sich an der Wende zum 19. Jahrhundert in einem katastrophalen Zustand. Überweidung, Raubbau und Waldverwüstung hatten gründlich aufgeräumt. In vielen großen Waldgebieten gab es so gut wie kein schlagreifes, starkes Holz mehr. Das weidende Vieh in den Wäldern und der hohe Wildbestand in den Jagdgebieten der Feudalherren verhinderten jegliche natürliche Verjüngung.

Spätestens mit dem Beginn der systematischen Forstwirtschaft übernahmen junge Mädchen und Frauen die sogenannten leichten Kulturarbeiten. Sie säten Baumsaat in speziellen waldnahen Pflanzgärten aus, verpflanzten die kleinen Setzlinge innerhalb der Baumschule, bis sie als etwa vier- bis fünfjährige robuste Bäumchen in die "Kultur", die zuvor verlichteten oder kahlgeschlagenen Flächen, ausgepflanzt wurden. Für viele Frauen, die damals so gut wie keine Möglichkeiten hatten, ein Einkommen zu erwirtschaften, wurde die aufstrebende Forstwirtschaft zur willkommenen Erwerbsquelle. Als Tagelöhnerinnen konnten sie sich mit der Waldarbeit in den Frühjahrsmonaten ein paar Mark zum kargen Erlös aus der eigenen Landwirtschaft dazuverdienen.

Weibliche Waldarbeit war Saisonarbeit. Die Notlage der Frauen sehr wohl erkennend, drückten die Forstbehörden das Entgelt auf unterstes Niveau, obwohl man Frauen als fleißige und zuverlässige Arbeiterinnen schätzte. Wenn die Pflanzschulen bestellt und die kleinen Bäume ausgepflanzt waren, brauchte man sie nicht länger und schickte sie wieder zurück auf die Höfe. Dank des eingeführten Nachhaltigkeitsprinzips - es durfte nicht mehr Holz eingeschlagen werden als nachwachsen konnte - erholten sich die Wälder rasch. Erst die Nazi-Regierung durchbrach Mitte der 30er Jahre dieses Prinzip. Ihr Streben nach Autarkie verordnete dem deutschen Wald einen bis zu 50-prozentigen Mehreinschlag. Das für den Kriegsbetrieb notwendige Holz wurde vielerorts zudem nicht schonend, sondern auf riesigen Kahlhiebsflächen eingeschlagen. Nach Kriegsende mußte der Wald für Reparationsleistungen und - weil Kohle zunächst knapp und teuer war - für den wachsenden Brennholzhunger der Bevölkerung herhalten.

Doch nicht nur der Mensch, sondern auch die Natur setzte dem Wald zu. Extrem trockene Nachkriegssommer begünstigten die Ausbreitung des Borkenkäfers, sein Fraß geriet 1947 zur nationalen Katastrophe. Winterliche Schneebrüche ließen den vorgeschädigten Wald, insbesondere in Süddeutschland, weiter schwinden. So kam es, daß allein in Baden-Württemberg zwischen 1946 und 1954 mehr als 80.000 ha Kahlflächen aufgeforstet werden mußten. Nach damaligen Masstäben waren dazu einschließlich der Nachbesserungen 1,2 Milliarden Pflanzen notwendig, die erst einmal herangezogen werden mußten. Frauenarbeit im Wald war nach dem Krieg gefragt wie nie zuvor. Ob im Schwarzwald oder in der Lüneburger Heide - Aufforstung war Frauensache.

Nicht wenige Forstämter waldreicher Gebiete beschäftigten in den späten 40ern und Anfang der 50er Jahre mehr als 100 oder gar 200 Frauen mit der Anzucht, dem Auspflanzen und der Pflege der Waldbäume und jungen Kulturen. Im Buch "Der Stadtwald Baden-Baden" berichtet der Verfasser Otto Mahler 1954, daß von den dort arbeitenden 500-600 Menschen 200-250 sogenannte "unständige" Arbeitskräfte waren, die hauptsächlich bei den Kulturarbeiten eingesetzt wurden. Es darf vermutet werden, daß dies fast ausschließlich Frauen waren.

Der heute im Ruhestand lebende Leiter des ehemaligen Forstamts Mönchsberg im Mainhardter Wald, Willy Gayler, gesteht ganz offen: "Die Frauen machten es billiger. Zudem waren sie für diese Arbeiten geschickter als die Männer, und besonders die jungen Bauerntöchter, die zuhause selbst Wald besaßen, konnten bei dieser Arbeit viel lernen." Was er außerdem schätzte: "Man konnte sich hundertprozentig auf die Frauen verlassen." Die "leichten Arbeiten" im Wald wurden, auch als es Tarifverträge gab, am schlechtesten bezahlt und das, obwohl viele Forstämter die Waldarbeiterinnen nun fast ganzjährig beschäftigten. Sie blieben lediglich in den schneereichen Winterwochen zu Hause. Ihr Arbeitsgebiet wurde um viele Pflegearbeiten in den jungen Kulturen ergänzt: Eine besonders schweißtreibende Arbeit war das Ausmähen der sonnigen Hänge im Hochsommer mit der Sichel, um das konkurrierende Gestrüpp wie Himbeeren und Brombeeren und die unerwünschten Pionierholzarten niederzuhalten.

Auf ihren kilometerweiten Fußmärschen in die Wälder trugen die Frauen nicht nur die Verpflegung für den ganzen Tag, sondern transportierten auch das Werkzeug von einer Einsatzstelle zur nächsten. Im Herbst "teerten" sie gegen Wildfraß empfindliche Arten, vor allem Weißtannen und Douglasien. Der "Teer", ein meist zähes und durchdringend nach Asphalt riechendes Verbißschutzmittel, wurde mit doppelten Bürsten auf die Triebspitzen der kleinen Bäume aufgestrichen. Abends hatten die Kulturfrauen von dem Zeug nicht nur die Nasen, sondern auch die langen Lederschürzen voll, die sie vor dem morgendlichen Tau in den Kulturen mehr schlecht als recht schützten. Nasse Beine bis zur Hüfte waren bei dieser Arbeit an der Tagesordnung, keineswegs jedoch Schutzhütten oder Waldarbeiterkarren, wo sie sich hätten trocknen können. Ein offenes Feuer während der Vesperpause mußte genügen, um die klammen Kleider und steifen Finger aufzuwärmen. Nach einem schweren Arbeitstag im Wald wartete auf die meisten Frauen die Hausarbeit, die Kinder oder sogar die Arbeit auf Feld und Hof.

Im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs in Westdeutschland ging die Anzahl der Waldarbeiterinnen drastisch zurück. Viele wanderten in die neu entstandenen Fabrikhallen ab. Waren beispielsweise im Bereich des Forstamts Creilsheim 1953 noch über 200 Frauen beschäftigt, betrug ihre Zahl 1963 weniger als die Hälfte, und 1987 gab es nur noch Arbeit für drei Waldarbeiterinnen.

Etwas anders verlief die Entwicklung in der ehemaligen DDR. Dort verblieben bis zur Wende mehr Frauen in der Waldarbeit. Erst nach der Wiedervereinigung gerieten auch sie in den Sog des Rationalisierungsdrucks in der Forstwirtschaft. Auch trug die veränderte Wirtschaftsweise in den Wäldern maßgeblich zum Arbeitskräfteabbau, insbesondere der Frauen, bei. Kahlhiebe mit nachfolgenden großflächigen Aufforstungen sind nicht mehr zeitgemäß. Heute setzen Förster vermehrt auf waldschonende Ernteverfahren und natürliche Verjüngung.

Die verbliebene körperlich schwere und mit hohem Maschineneinsatz betriebene Waldarbeit scheint Männersache geworden zu sein. Gerade mal sieben weibliche Auszubildende erlernen im waldreichen Baden-Württemberg den Beruf des Forstwirts in den staatlichen Wäldern, etwa 100 dürften es bundesweit sein. Je mehr der Wald zur reinen Männerdomäne wird, um so schneller droht die Arbeit der Kulturfrauen in Vergessenheit zu geraten.

Christa Schleich: Die Autorin hat selbst einst als Waldarbeiterin und Wanderschäferin gearbeitet und war vor ihrem Journalistinnenleben gelernte Forst- und Landwirtin.