Ein positives Zottelmonster
In der südafrikanischen Version der Sesamstraße spielt jetzt die HIV-infizierte Puppe Kami mit
Von Johannes Dieterich
Armer Bert. Bald wird sich der gutmütige Saubermann nicht nur von dem Chaoten Ernie nerven lassen müssen. In die "Sesamstraße" am Kap der Guten Hoffnung zieht zum Monatsende ein neues Monster ein. Es heißt Kami, ist ein fünf Jahre altes, goldgelbes, struppeliges Zottelmonster und soll zum Schrecken Berts voller positiver Lebensgeister sein. Was Kami schon vor ihrem ersten Fernsehauftritt weltberühmt gemacht hat: Sie ist HIV-positiv - das erste von dem Aids-Virus infizierte Wesen in einer Kindersendung.
Kami wird genau das sein, was man von einem todgeweihten Mädchen nicht erwartet: witzig, meist gut gelaunt und voller guter Ratschläge, wie ein von dem tödlichen Virus überschattetes Leben noch möglichst lange möglichst akzeptabel weitergehen kann. "Im Zentrum steht für uns das Akzeptieren", sagt Yvonne Kgame, Direktorin der Erziehungsprogramme beim südafrikanischen Fernsehsender SABC. "Wir wollten Zigtausenden von HIV-positiven Kindern zeigen, dass ihre Infektion keine Schande und ihr schneller Tod keine ausgemachte Sache ist."
Dass das heikle Thema Aids in der "Sesamstraße" aufgegriffen wird, ist kaum verwunderlich. Selbst nach 34 Jahren ist das in 120 Ländern ausgestrahlte elektronische Kindermädchen alles andere als eine alte Tante: Gesellschaftliche Tabus sind für Krümelmonster & Konsorten vor allem dazu da, seziert zu werden. Das war schon 1968 so, als die unkonventionelle Sendung für städtische Unterschichtskinder in den Vereinigten Staaten entwickelt wurde. Heute konfrontiert Monsterchen Elmo nach dem 11. September 2001 verstörte Kinder in den USA mit dem Terrortrauma, während muslimischen Mädchen in Ägypten die Bedeutung einer guten Schulbildung verklickert wird.
Überraschend allerdings, dass ausgerechnet in Südafrika das erste HIV-positive Wesen in einer Kinderserie auftritt. Eine konfuse Regierung ringt hier am Kap immer noch damit, die Aids-Epidemie so ernst zu nehmen, wie sie wirklich ist. In acht Jahren wird es am Kap der Guten Hoffnung zwei Millionen Aids-Waisen geben, von denen viele selbst mit dem Virus infiziert sind.
Fast so schlimm wie die Immunschwächekrankheit selbst ist die Stigmatisierung, die mit der Infektion einhergeht. In Südafrika werden Aids-Kranke oft von ihren Familien ausgestoßen oder sterben von der Außenwelt versteckt. Obwohl statistisch gesehen jeder fünfte Erwachsene infiziert ist, hat noch kein Regierungsmitglied und kein Parlamentarier öffentlich eingeräumt, HIV positiv zu sein - der überraschende Tod eines hochrangigen Politikers wird offiziell meist einer Lungenentzündung oder gar "Atembeschwerden" zugeschrieben.
Ein weites Feld für Kami. Der Anstoß für ihre Integration in die "Sesamstraße" sei sogar aus dem Erziehungsministerium selbst gekommen, heißt es im Fernsehsender SABC - eine Behauptung, die von Insidern allerdings bestritten wird. Immerhin hat das Ministerium mitgespielt (und mitgezahlt), als Kamis Existenz vor über einem halben Jahr in aller Heimlichkeit entworfen wurde.
Die "Sesamstraße" zählt zu den am sorgfältigsten recherchierten Fernsehsendungen. Jede neue Staffel wird monatelang pädagogisch und didaktisch vorbereitet, nach der Ausstrahlung untersucht ein Team die Wirkung neuer Serienteile. Südafrika gehört wie Deutschland zu jenen 20 Ländern, in denen eine eigene Version der "Sesamstraße" unter Mitwirkung des Erziehungsministeriums, des Fernsehsenders SABC sowie des New Yorker Sesame Workshops hergestellt wird. Die Dialoge werden neu geschrieben, Elmo heißt hier Neno und spricht ein Kauderwelsch aus südafrikanischem Englisch und mehreren afrikanischen Sprachen.
Dem Fernsehen ist es zumindest nicht mehr anzulasten, wenn HIV-Infizierte und Aidskranke noch immer stigmatisiert werden. In den meisten der zahllosen lokalen Seifenopern treten inzwischen HIV-positive Protagonisten auf. Anders als in der "Sesamstraße" wird hier sogar über Sex als üblicher Übertragungsweg des Virus gesprochen.
Solche Offenheit ist allerdings auch erst seit Kurzem möglich, sagt Angus Gibson, Regisseur der international preisgekrönten Serie "Yizo Yizo". In der Seifenoper "Isidingo" habe lange kein infizierter Handlungsträger integriert werden können, weil sich keine Schauspieler zu der Rolle bereit erklärten. Und als die "Yizo-Yizo"-Drehbuchschreiber im vergangenen Jahr eine ihrer Protagonistinnen nach einer Vergewaltigung zum Aids-Test schicken wollten, spielte die Schauspielerin nicht mit. Ihr Vater habe gedroht, sie aus dem Haus zu werfen, wenn sie sich auch nur im Rollenspiel einem Aids-Test unterziehen werde.
Als Aids-Waise kennt Kami solche Probleme nicht - ihre Erfinder konnten sogar die in Südafrika noch immer folgenreiche Entscheidung umgehen, ob sie nun schwarzer oder weißer Hautfarbe ist. Der goldgelben Kami wurden schon höchste Ehren zu Teil. Während des Weltgipfels in Johannesburg lies sich UN-Generalsekretär Kofi Annan im Dialog mit der Puppe filmen. Die zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember geplante Sendung soll nur der Anfang einer ganzen Reihe "Kami im Gespräch mit Prominenten" werden, kündigte der SABC an. Südafrikas Präsident Thabo Mbeki habe sich allerdings noch nicht auf einen Termin mit der Puppe festlegen lassen.
Überhaupt hat sich bisher noch kein anderes Land bereit erklärt, das positive Monster in seine "Sesamstraße" aufzunehmen. In den USA drohten gar fünf konservative Kongressabgeordnete mit Konsequenzen, falls sich eine Kami in die US- "Sesamstraße" schliche.
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Dokument erstellt am 22.09.2002 um 21:10:04 Uhr
Erscheinungsdatum 23.09.2002