Nicht erst seit dem Jahrestag der Befreiung ist die Rolle des Architekten und Rüstungsministers Hitlers als führender NS-Täter bekannt
Zuletzt sind historische Neugier und sittlicher Lerneifer mit jedem Tag gesteigert worden - denn so wollte es eine Dramaturgie, die das Fernsehen der Republik verschrieben hat wie ein Stationendrama. Die vergangene Woche stand im Zeichen eines mehrteiligen Speerstationendramas, dem die Öffentlichkeit beiwohnte wie aus einer Froschperspektive. So schaute die Republik zum TV auf und verfolgte die Enthüllungen im Rahmen einer Dokumentation (
FR v. 9. 5.05), die als Offenbarungen so neu nicht waren, auch wenn es in der
FAZ bereits im März hieß, dass Heinrich Breloers Film "unser Geschichtsbild in wesentlichen Teilen verändern wird."
Nun hat sich aber bereits während dieser Woche einer dann doch nicht revidierten Historiographie herausgestellt, dass das Dokudrama Breloers, bei aller Akribie, bei allem Aufwand, bei aller Ambition, nicht die lückenlose Rekonstruktion vor Augen hat stellen können. Breloers eigener Epilog, sein "Nachspiel - Die Täuschung" im Anschluss an das Fernsehspiel, zeigte erstens die Grenzen eines TV-Genres - wie darüber hinaus die Grenzen der historischen Beweisführung überhaupt. Es war das Feature, das um Mitternacht Erkenntnisse auf einem Niveau brachte, an die das Fernsehspiel zur besten Sendezeit nicht immer heranreichte. Für das Satyrspiel, das keines war (auch wenn es bemüht war, einen Mythos aus der Welt zu schaffen), wurde ein Chor aufgeboten, der aus Fachleuten bestand, die in dem einen oder anderen Fall etwas zu verbergen haben, nämlich Wolf Jobst Siedler als Verleger von Speer und Joachim Fest als dessen Lektor und stilsicherer Vermittler in die bundesdeutsche Öffentlichkeit.
Parallel zum Fernsehereignis wurde im Laufe der letzten fünf Tage Speers (verdrängtes) Genozidwissen aktenkundig. Die Republik erhielt schwarz auf weiß Kenntnisse darüber, dass Hitlers verlängerter Arm auch bis in das von Berlin aus ferne Auschwitz reichte; der Mann war schließlich Minister und nicht ein "Verstrickter", am wenigstens übrigens das Opfer von Verstrickungen, sondern ein Täter.
Die Historikerin Susanne Willems, in Breloers Nachspiel gelegentlich als Zeitzeugin befragt, in Breloers rechtzeitig zum TV-Film veröffentlichten Buch
Unterwegs zur Familie Speer (Propyläen Verlag) außerdem eine Interviewpartnerin, ging am Montag mit ihren Recherchen an die Öffentlichkeit, wonach Hitlers Rüstungsminister im Rahmen des "Sonderprogramms Prof. Speer" Ausbauten in Auschwitz bewilligte.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum sich die prominenten Teile der Speer-Forschung bis auf den heutigen Tag mit dem Aufspüren solcher Dokumente so dermaßen schwer getan haben, zumal angesichts der Tatsache, dass man dem "Technokraten" Speer doch immer schon enorme Tatkraft nachgesagt hat, darunter den sicheren Instinkt des Amoralischen. Ein solches Bild stammt auch von dem Speerbiographen Joachim Fest, der erneut in diesem Frühjahr, mit seinem Buch
Die unbeantwortbaren Fragen (Rowohlt Verlag), den Anspruch auf eine definitive Deutung des faustisch Verführten erhoben hat. Als es Mitte April, zu Speers 100. Geburtstag erschien, stellte sich heraus, dass sich das Buch als "unabhängige Instanz" inszenierte: "Das ist der Grund, warum man heute über Albert Speer nicht schreiben kann, ohne nachdrücklich die Rolle seines Biographen Fest zu bedenken." (
FR 17. 4.) Fest, der "Ghostwriter" der 1969 erschienenen
Erinnerungen Speers und Autor einer Biographie, lieferte mit seinem neuen Buch den vermeintlich unabhängigen Kommentar zu dem Speerbild, das er selbst über Jahrzehnte geprägt hat. Das Buch diente als "Frontbegradigung", die konkurrierenden Speerbiographien galt. "Fests Buch, das sich als Quelle inszeniert, stellt sich überdies dar wie der historisch-kritische Apparat zu der Speerbiographie", die er selbst 1999 publiziert hatte.
Dieser Aspekt ist im Laufe der letzten zehn Tage mehrfach aufgegriffen worden; er hat als Verweis auf eine publizistische "Komplizenschaft" die Runde gemacht. Volker Ullrich hat ihn mit Blick auf Fest in der vergangenen Woche in der
Zeit erneuert; Marcel Reich Ranicki hat ihn am vergangenen Sonntag in der ARD-Sendung "Christiansen" ausdrücklich formuliert. Speers Karriere in der Bundesrepublik, obendrein die Legende von der verführten Künstlernatur, des "kultivierten Bourgeois unter Kleingeistern" (
FR 17. 4.05), schließlich die Fiktion vom noblen und später reumütigen Nazi ist nicht denkbar ohne das von Fest nachdrücklich beeinflusste Speer-Bild.
Und doch ist Speer nicht erst in dieser Woche der Erinnerung an die Befreiung ein (nach Nürnberg) weiterer Prozess gemacht worden. Belastende Dokumente sind seit dem 1982 erschienenen Buch von Matthias Schmidt
Das Ende eines Mythos.
Aufdeckung einer Geschichtsverfälschung bekannt, darunter Speers systematische Vertreibungspolitik der Berliner Juden aus ihren Wohnungen und der Stadt im September 1938, noch vor der Reichspogromnacht, im Zuge der wahnwitzigen Germaniapläne. Ein Manager der Entlastungsstrategien war der Bestsellerautor Speer schon bei Schmidt. Weitere Details sind seit Jahren bekannt - und haben wohl nicht von ungefähr längst Eingang gefunden in historische Seminare wie sie etwa die "Universität des 3. Lebensalters" an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt a. M. anbietet, wo Speers Rolle bei der Entrechtung und Deportation der Juden rekonstruiert worden ist. Kann es sein, dass sich Teile der Generation der über 65-Jährigen ihrer Geschichte stellen, ohne dass die Promis der Speer-Forschung das hätte bemerken sollen?
Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis
Mit dem Dreiteiler von Breloer und dessen Nachspiel hat das Kurzzeitgedächtnismedium Fernsehen eine Rolle angenommen, die auf seine eigenwillige Weise das Feuilleton auszufüllen sich bemüht: ein Resonanzraum des Langzeitgedächtnisses zu sein. Wenn dieser Tage im
FAZ-Feuilleton die Behauptung aufgestellt wird, der Speerfilm tauge dazu, unser "Geschichtsbild in wesentlichen Teilen" zu revidieren, steht das bei diesem Blatt in der Tradition einer Geschichtspolitik, die Deutungshoheit nicht zuletzt als Kampagnenjournalismus betreibt.
Abgesehen davon, dass der Revisionsfuror in dem gleichen Illustriertenton vorgetragen wird, der 1983 in das Hitlertagebuch-Desaster führte: Die Erinnerungspolitik Albert Speers war im Laufe der noch jungen Bundesrepublik der exemplarische Versuch einer Politik der Entlastung. Das ist nicht erst seit dem 8. Mai 2005 bekannt. Das zu unterschlagen, schlägt ein weiteres Kapitel der Leugnung und raffinierten Selbststilisierung auf.
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