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IM GLASHAUS
Hitler: böse!
VON OLIVER GEHRS

In den Zeitungsarchiven finden sich viele Artikel zum fünfzigsten Jahrestag des Kriegsendes, aber viel weniger als zum sechzigsten - obwohl der Fünfzigjährige als "rundes" Datum gilt. Möglicherweise hängt es damit zusammen, dass man vor zehn Jahren noch nicht so viel über das "Dritte Reich" wusste, und in diesen Tagen viele Geschichten erzählt werden, die vor zehn Jahren noch keiner kannte. Oder dass so getan wird, als sei manches neu.

Die schönste Exklusiv-Meldung stand zweifellos am vergangenen Dienstag auf der ersten Seite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. "Speer wusste von Auschwitz" war da zu lesen. Das neue daran war vor allem, dass es tatsächlich noch Menschen gibt, die bis vergangenen Montag geglaubt haben, Albert Speer habe nichts von Auschwitz gewusst. Bzw. welche, die so tun.

Marcel Reich-Ranicki hat in seiner Biografie eine seltsame Begebenheit erzählt, an die man dieser Tage unbedingt noch einmal erinnern sollte. Er beschreibt einen Empfang im Haus des Verlegers Wolf Jobst Siedler aus Anlass des Erscheinens von Joachim Fests Hitlerbiografie. Der Stargast des Abends war Hitlers Liebling: Albert Speer. Er schien der Beweis, dass es so etwas wie den guten Nazi gegeben hat.

Dass nun immer klarer wird, wie sehr auch Speer nur ein Unmensch war, der die Errichtung von KZs und die Versklavung von Menschen selbst vorangetrieben hat, ist peinlich für Fest. Es ist auch peinlich für Bernd Eichinger, dessen Film Der Untergang auf einem Fest-Buch basiert und der Speer ebenfalls in ganz weichem Licht zeichnet. Inzwischen ist der von Springer-Chef Mathias Döpfner wie von Helmut Kohl geschätzte Film aber doch geächtet. Wurde vor Monaten noch gehofft, dass er einen Oscar bekommt, ist er nun nicht mal mehr für den deutschen Filmpreis nominiert.

Die FAZ aber scheint gewillt, weiterhin als publizistische Speer-Spitze zu fungieren und das Bild ihres ehemaligen Herausgebers zu klittern, indem man sich selbst und die Leser für dumm verkauft. Demnächst lesen wir dann wohl die Schlagzeile: "Hitler doch böse".




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Dokument erstellt am 13.05.2005 um 18:12:10 Uhr
Erscheinungsdatum 14.05.2005