Für die Wissenschaft ist das Sexualerleben der Frauen nur schwierig in Messkurven zu fassen
Von Stanislaw Dick
Multiple Orgasmen, stete Vereinigungen mit einfühlsamen Partnern, ergänzt durch ergiebige Autoerotik, bevorzugt in der Rückenlage: Der Sex deutscher Frauen lässt kaum zu wünschen übrig. Jedenfalls macht das ein flüchtiger Blick auf jüngste Befunde glauben. Jene 575 von Medizinpsychologinnen der Berliner Charité deutschlandweit befragten Frauen aller Altersgruppen jedenfalls stellten ihrem Sexualleben mit 72 von 100 erreichbaren Punkten ein äußerst befriedigendes Zeugnis aus.
Andere Daten relativieren die freudvolle Botschaft. Eine Befragung von 648 Medizinstudentinnen durch Forscher der Medizinischen Hochschule Hannover ergab, dass immerhin mehr als jede fünfte der jungen Frauen mit ihrem Sexualleben während des vorangegangenen Monats unzufrieden war. Sogar jede vierte Studentin gab zu Protokoll, bisweilen "aversive Reaktionen" auf die sexuelle Annäherung eines Partners zu haben. Und 15 Prozent der jungen Frauen waren der Ansicht, dass sie beim Sex viel zu selten zum Orgasmus kommen. Zufriedenheit klingt anders.
Probleme mit der Libido
Auch in der Forschung hat sich inzwischen herumgesprochen, dass nicht nur Männer bisweilen Probleme mit ihrer Libido haben. "Das klinische Interesse an den weiblichen Sexualstörungen ist spürbar gewachsen", erklärte jüngst der Hannoveraner Urologieprofessor Michael Truß auf einer Tagung in Leipzig. Initialzündung für die neue Neugier an der "weiblichen sexuellen Dysfunktion" war eine seither viel zitierte Umfragestudie, die der Chicagoer Soziologieprofessor Ed Laumann vor fünf Jahren publizierte.
Laut Laumann und seinen Kollegen hatten sage und schreibe 43 Prozent der von ihnen befragten Frauen zwischen 18 und 59 Jahren in irgendeiner Form Probleme mit ihrer Sexualität, etwa Mangel an Verlangen, Angst vor dem "Vollzug" oder auch Schmerzen beim Verkehr.
Viele Wissenschaftler haben seither das methodische Vorgehen in dieser Studie kritisiert und die Zahl von 42 Prozent für weit überzogen erklärt. Einige Kommentatoren sahen wieder einmal die "Krankheitserfinder" von der pharmazeutischen Industrie am Werk, die nach dem Viagra-Geschäft einen weiteren lukrativen Markt zu erschließen versuchten. Jedenfalls hat die Diskussion um die weibliche "Unluststörung" das wissenschaftliche Interesse an der noch immer sträflich untererforschten Sexualität der Frau neu entfacht. Seither rücken Wissenschaftler weiblichen Probandinnen nicht nur mit Fragebögen zu Leibe. Genauere Ergebnisse erhoffen sie sich von Hormonprofilen, Messungen des vaginalen Säuremilieus, der Klitoris-Durchblutung oder der Reizschwelle für "genitale Vibrationen".
Dabei mussten die Forscher zu ihrem Bedauern feststellen, dass der sinnliche Aufruhr von Frauen ungleich schwieriger festzumachen ist als jener des Mannes. Während sich beim Mann - funktionierende Hardware vorausgesetzt - die subjektive Erregung ziemlich genau in ihrem körperlichen Ertragswinkel widerspiegelt (genauer: in der Durchblutung des Penis), findet sich bei Frauen kein vergleichbares Maë.
Cindy Meston von der University of Texas stellte fest, dass zwischen der subjektiven und der physiologischen Aktivierung von Frauen nur "ein geringer bis gar kein" statistischer Zusammenhang festzustellen war. Nicht alles, was Frauen psychisch anmacht, scheint sie auch körperlich zu erregen - und umgekehrt.
Dass die Beziehung zwischen psychischem und physischem Aufruhr bei Frauen "sehr komplex" ist, musste jetzt auch eine Forschungsgruppe um Cynthia Graham vom Kinsey-Institut an der Indiana University feststellen (Archives of Sexual Behavior, Vol. 33/6). Ob und wie stark sich eine Frau erotisch angeturnt fühlt, hängt nach deren Studie von vielen Verstärkern und Bremsen des sexuellen Verlangens ab: etwa davon, wie wohl sie sich in ihrem Körper fühlt; ob sie sich von ihrem Partner akzeptiert und begehrt oder aber benutzt vorkommt; und nicht zuletzt von ihrer Stimmung.
Verstörend kompliziert
Die Sexualität der Frau scheint psychisch wie physisch auf verstörende Weise komplizierter beschaffen zu sein als die des Mannes. Schon Sigmund Freud gestand einst resignierend: "Die große Frage, die ich trotz dreißig Jahre langem Forschen nicht habe beantworten können ist die: Was will das Weib?" Und Loriot führten seine ganz eigenen Nachforschungen zu dem Schluss: "Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen."
Tragischerweise passen Mann und Frau, was ihre sexuellen Bedürfnisse angeht, umso weniger zusammen, je länger ihre Partnerschaft währt. Dies lassen Befunde des Medizinpsychologen Dietrich Klusmann vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf aus einer Befragung von 1865 Studentinnen und Studenten vermuten. Im ersten Jahr einer Beziehung hielten sich die Triebe bei Männlein und Weiblein noch einigermaëen die Waage: Unter den frisch Verliebten herrschte beiderseits libidinöser Hochbetrieb. Man schlief häufig miteinander, und die Lust war in diesem paradiesischen ersten Jahr beinahe gleichmäßig verteilt: 65 Prozent der Frauen gegenüber 76 Prozent der Männer gaben an, mindestens genauso oft wie der Partner Lust auf Sex zu verspüren.
Das Verlangen schwindet
Doch schon nach dem dritten Beziehungsjahr hatte sich das Bild gewandelt, und die Waage des Verlangens war gekippt. Die Lust der Männer war konstant geblieben - aber nur noch 26 Prozent der Frauen spürten bei sich ein zumindest ebenso großes Verlangen wie das des Partners: Er wollte ständig, sie nur noch selten.
Sicherlich ist es eine normale Entwicklung, dass in einer Partnerschaft der sinnliche Sturm und Drang der ersten Zeit sich mit den Jahren verflüchtigt, und der Rausch der Verliebtheit einem weniger aufregenden Gefühl der Verbundenheit weicht. Die Anthropologin Helen Fisher von der Rutgers University in New Jersey sieht in dieser Verlaufskurve des Verlangens "ein evolutionsbedingtes Geschehen". "Intensive Leidenschaft braucht enorm viel Zeit und Energie", schreibt Fisher in ihrem jüngsten Buch "Why we love" (Henry Holt, New York 2004). "Es würde für unseren Seelenfrieden und unsere täglichen Aktivitäten, einschließlich der Kindererziehung, entschieden zu viel Unruhe stiften, wenn wir Jahre damit zubrächten, von unserem Liebsten besessen zu sein."
Warum aber trifft das Abkühlen des Begehrens Frauen weit häufiger und stärker als Männer? Dietrich Klusmann schlägt auch dafür eine evolutionäre Erklärung vor: Im Gegensatz zu Frauen können sich Männer auch in einer festen Partnerschaft nie sicher sein, dass der Nachwuchs wirklich von ihnen und nicht von einem heimlichen Nebenbuhler stammt. Um den eigenen Reproduktionserfolg sicherzustellen und jenen potenzieller Rivalen zu minimieren, lohnt es also, die Partnerin möglichst oft mit den eigenen Spermien zu beglücken.
Für Frauen hingegen sei es über weite Strecken der menschlichen Entwicklungsgeschichte vorrangig gewesen, den Partner an sich zu binden, um Kinder aufziehen und damit die eigenen Gene weitergeben zu können. Dies könnte der Grund sein, warum die Sexualität von Frauen stärker im Dienste der Bindung steht und ihnen Streicheleinheiten, Gespräche und Vertrautheit oft wichtiger sind als der "Vollzug".
93 Prozent der langjährig liierten Studentinnen in Klusmanns Studie bezeichneten sich als zärtlichkeitsbedürftiger als ihr Partner. Auch Helen Fisher hat beobachtet, dass Frauen Intimität eher vom Liebesgesäusel "davor" ableiten als von dem profanen Geschlechtsakt. Das Vorspiel mit Worten, so Fisher, sei für Frauen deshalb so wichtig, "weil es ihnen zeigt, dass der Geliebte zuhören kann, unterstützend ist und seine Lust beherrschen kann".