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Besser als gar kein Feiertag
Aber der 9. November wäre zum Innehalten für die Deutschen eher geeignet als der 3. Oktober / Von Hans-Jürgen Arlt

Vor allem ist ein Feiertag besser als keiner. Einem frei gegebenen Werktag schauen wir Normalverbraucher so wenig ins Maul wie Beschenkte dem bekannten Gaul. Denn was eine(r) an einem solchen Tag feiert und wie, wird ihm in einem halbwegs freien Land nicht vorgeschrieben. Ob Christi Himmelfahrt, der Tag der Arbeit oder der Deutschen Einheit, kirchliche, politische, nationale Pflichten erwachsen daraus nur für den, der sich verpflichtet fühlt.

Dies vorausgesetzt, kann festgehalten werden: Ob historische Vernunft darin liegt, am Ende des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa noch einen Nationalfeiertag zu installieren, bleibt eine gute Frage. Gute Antworten: Fehlanzeige.

Jenes vorausgesetzt, wirft der 3. Oktober auch die Frage auf, ob an der deutschen Einheit nicht die deutsche Einheit das Unwichtigste war. Das Ende des globalen Ost-West-Konflikts, die Öffnung der Zugänge in die Europäische Union für die Staaten Osteuropas, das Begräbnis der sozialistischen Alternative, der Anfang politischer Demokratie für die Menschen in Ostdeutschland nach 56 Jahren Einparteiendiktatur (womit der Nationalsozialismus und der Staatssozialismus keinesfalls gleichgesetzt werden) - im Vergleich zu diesen historischen Meilensteinen stellt die deutsche Einheit nur einen Randstein dar. Diese Bewertung missachtet nicht die Gefühle der Familien, Freunde und Partner, durch deren Leben der Eiserne Vorhang einen traurigen Trennungsstrich gezogen hatte.

Ersteres vorausgesetzt, können wir rekapitulieren: Am 3. Oktober war der freudentränenreiche Jubel des 9. November nur noch eine wunderschöne Erinnerung. Auf dem geraden Weg Richtung Wirtschafts- und Währungsunion eilten längst die Einheitsgewinnler gen Osten, und im Straßengraben lagen vieltausendfach die Arbeitsplätze der DDR-Wirtschaft. Mit einem Produktivitätsniveau von rund einem Drittel der Westwirtschaft hatten die volkseigenen Betriebe in der freien Konkurrenz fast keine Chance. Einige sagten, viele wussten, alle ahnten es. Manches, das lebens- und entwicklungsfähig gewesen wäre, schrieben dann Unternehmensberater krank. Übernehmen, Ausschlachten, Wegwerfen war die ökonomische Leitlinie, Anschließen, Überprüfen, Rauswerfen die politische. Die soziale war, die Kosten im Wesentlichen bei den Arbeitnehmern abzuladen; die westlichen haben mit ihrem Geld, die östlichen mit ihren Arbeitsplätzen bezahlt. Schon am ersten "Tag der deutschen Einheit" war deshalb klar: Hier wird zusammen verkohlt, was zusammen gehört.

"Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird", beginnt ein Roman Martin Walsers. Die DDR gilt gegenwärtig nur noch als ein vierzigjähriger Irrtum. Der 3. Oktober ist der Feiertag eines Anschlusses. Die alten Bundesländer waren und blieben, die neuen wurden anschlussfähig gemacht. Ein weiteres Kapitel aus dem Bestseller "Die Sieger schreiben die Geschichte". Trotzdem war es, um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, eine Wende zum Besseren. Aber nicht zum Guten. Deshalb wurde eine Bühne für Feiertagsreden gebraucht. Der 3. Oktober ist inszenierte Politik, die welkende Landschaften mit blühenden Worten schmücken wollte.

Kohl, Schäuble, de Maizière haben Geschichte geschrieben. Geschichte gemacht haben andere, nämlich diejenigen, die den 9. November ermöglicht haben. Doch die Sieger haben es nicht einmal geschafft, mit den Besten, der oppositionellen Bürger- und Demokratiebewegung, auf gleicher Augenhöhe umzugehen. Die politische Kultur, die sich im Neuen Forum und anderen Gruppierungen entwickelt hatte, war moderner, einer Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts angemessener als alles, was der westdeutsche Politikbetrieb bisher auf die Beine gestellt hat. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse lässt hin und wieder etwas davon aufblitzen.

Überhaupt der 9. November. 1918 war er der Tag, an dem die erste deutsche Republik ausgerufen wurde. 1923 war er der Tag, an dem Hitler in München seinen ersten Putschversuch machte. Damals war es noch eine Posse, zehn Jahre später begann die Tragödie. 1938 war er der Tag, nach dem niemand mehr sagen konnte, er hätte es nicht gewusst, im Inland nicht und im Ausland auch nicht. In und nach der "Reichskristallnacht" musste gezielt wegschauen, wer nichts gewusst haben wollte. 1989 war er der Tag, an dem - 44 Jahre nach der deutschen Kapitulation, die eine Befreiung war - die Nachkriegsgeschichte endete.

Wenn es einen Tag in der neueren deutschen Geschichte gibt, an dem es sich lohnt innezuhalten, nachzudenken, zu reden, zu trauern und zu feiern, dann ist es dieser 9. November. Aber welcher Politiker in Amt und Würden will schon innehalten und nachdenken. Und wir Normalverbraucher, wollen wir es? Wenn es gewollt wäre, das ist richtig, ginge es auch am 3. Oktober. Irgendein Feiertag ist besser als keiner.



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Dokument erstellt am 02.10.2003 um 00:01:58 Uhr
Erscheinungsdatum 02.10.2003 | Ausgabe: S | Seite: 10